CÄTHE

ÜBER ERFOLG

Foto: Alexander Possingham.

Der Weg zwischen bei Alben ist bei vielen Musikerinnen und Musikern mit mentalen Wachstumsschüben zu vergleichen. Auch Cäthe ist gewachsen und hat alles Unnötige und Unliebsame abgestreift. Sie beschreitet mutig und entschieden eine Gratwanderung zwischen alten Strukturen und neuer Wahrhaftigkeit. Ohne Label, ohne Management und ohne Gefälligkeiten ist Cäthe wieder die Cäthe, die sie sein will. Und eben diese Cäthe vertraut jetzt auf ihre Intuition, verabschiedet sich von antrainierten Unsicherheiten und produziert ihr neues und viertes Album selbst – mit wiederentdeckter Spielfreude und ursprünglicher Energie. Denn das, sagt Cäthe, ist sie sich jetzt selbst schuldig.

Interview: Alexandra Helena Becht.

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Erfolg ist oft das, was andere einem suggerieren. Besonders in der Musikindustrie, in der Zahlen zählen und der Mensch, der mit seiner Musik für diese Zahlen sorgen soll, in den Hintergrund geraten kann – zur Interpretation seiner selbst wird. Was aber ist Erfolg, wenn man keine Interpretin ist, sondern eine Vollblutkünstlerin wie Cäthe?

CÄTHE
Erfolg ist für mich, wenn ich an meinen Liedern arbeite und es plötzlich Klick macht, eine Idee für mich aufgeht und mich begeistert. So was dauert ja auch seine Zeit, bis man wirklich von dem überzeugt ist, was man tut. Längst nicht alles, was man zu Blatt bringt oder vor sich hin singt, ist überzeugend. Es gibt nur wenige eigene Ideen, die mich überzeugen.

Findet Erfolg für dich demnach komplett im Stillen hinter den Kulissen statt, frei von der Meinung und Bestätigung anderer?

CÄTHE
Ja, absolut im Stillen. Danach beginnt natürlich ein anderer Prozess: Wenn ich meine Musik veröffentliche, muss ich schauen, wie ich damit umgehe, wenn sie womöglich nicht ankommt. Damit ist schon auch eine Unsicherheit verbunden. Aber ich merke mehr und mehr, dass es mir langsam egal wird, wie meine Musik ankommt – weil ich ein besseres Gefühl für mich selbst habe. Ich bin nicht mehr davon abhängig, dass jemand sagt, das ist der geile Scheiß. Wenn ich das Gefühl habe, dass mir meine Musik gefällt und ich dazu stehe und ich das bin, dann brauche ich nicht noch ein Gegenüber, das mir das bestätigt.

Hat sich deine Definition von Erfolg im Laufe der letzten Jahre verändert?

CÄTHE
Ja, sehr. Ich beschäftige mich gerade sehr mit meiner Intuition, die sehr stark ist – ich lerne ihr zu vertrauen. Das hat damit zu tun, dass ich bei der Produktion meines neuen Albums sehr viel selbst übernehme. Ich bin bewusst aus diversen Verträgen zurückgetreten, weil ich so die Schnauze voll hatte von diesem Erfolgsdruck, den andere an mich herangetragen haben – ich habe immer gedacht, was wollen die von mir, ich will das so gar nicht. Ich will gar nicht in diese oder jene Richtung laufen. Es geht mir als Künstlerin nicht darum, total krasse Verkaufszahlen zu haben oder große Clubs zu füllen. Ich will vielmehr eine gute Basis für mich und meine Musik schaffen, um davon leben, aber mir trotzdem treu bleiben zu können. Das ist eine Gratwanderung. Für mich als Künstlerin und Mutter stellt sich die Frage, wie will ich das weiter machen, will ich es überhaupt weitermachen oder gibt es für mich auch noch ganz andere, gesunde Wege, meine Musik eher nebenbei, ohne diesen Zwang zu veröffentlichen? Ich will mir nicht überlegen müssen, ob meine Musik an einem bestimmten Freitag im Herbst rauskommt und alle Kanäle bedient werden. Das ist mir zu strategisch und ich möchte komplett weg von diesem Film. Ich finde, die Modelle, die Plattenfirmen Künstlern*innen anbieten, gehen vorne und hinten nicht auf – es muss anders gehen.

Foto links: Cäthe fotografiert von Heide Prange. Foto rechts: Henry Co.

Stellt dich das als Musikerin vor neue Herausforderungen, dich von alten Strukturen zu lösen und die Dinge selbst in die Hand zu nehmen?

CÄTHE
Wenn du als Frau sagst „Ey, Leute, ich produziere jetzt selbst“, dann hört man als Reaktion häufig: „Was fährt sie denn jetzt für eine Ego-Nummer, was bildet sie sich denn jetzt ein?“ Man muss als Frau schon ganz schön tough sein, um so was zu überhören. Musikerkollegen wird es in gewisser Weise schon einfacher gemacht, über sich selbst hinauszuwachsen. Ich glaube, dass das auch mit viel Unsicherheit zu tun hat. Ich selbst hatte bisher nicht den Mut, die Dinge einfach selbst in die Hand zu nehmen, Songs selbst zu produzieren und zu veröffentlichen. Ich glaube, dass diese Unsicherheit bei mir immer noch mitschwingt, auch weil von außen Zweifel geäußert werden und ich mich mit Fragen wie „Bist du schon so weit, wäre es nicht besser, wenn du mit einem bestimmten Produzenten zusammenarbeiten würdest?“ auseinandersetzen muss. Ich merke aber, dass ich diese Unsicherheit langsam verliere. Ich habe mit dem Song „So bin ich“ das erste von mir selbst produzierte Lied veröffentlicht und merke, dass die Message rüberkommt. Und um die geht es mir und nicht darum, dass etwas erstklassig produziert ist oder der Name von einer super Plattenfirma draufsteht.

Hast du an dir und deiner Musik je gezweifelt?

CÄTHE
Zweifel kamen immer dann auf wenn ich verunsichert wurde. Wenn ich zum Beispiel ein gut besuchtes Konzert spielte und die Leute von der Plattenfirma mir sagten, dass es nicht genug Leute sind. Damit wurden Zweifel gestreut und ich fragte mich als Musikerin: bin ich gut genug, lohnt sich das alles, wo soll es hinführen? Statt das man einfach im Hier und Jetzt ansetzt und sagt: Da kommen Leute, genießen wir den heutigen Abend. Punkt. Diese von anderen gestreuten Zweifel aufzufangen, das hat mich unzufrieden gemacht und ich habe gemerkt, dass das mit Musikmachen nichts mehr zu tun hat und ich nur noch dabei bin es anderen recht machen zu wollen. Ich wurde wütend, über die Plattenfirma, über das Musikbusiness und über die Menschen, die sich so viel erzählen lassen.

Inwiefern hat sich die Beziehung zu deiner Musik verändert?

CÄTHE
Ich komme wieder zurück zu meiner Spielfreude, bin wieder komplett frei und nur bei mir. Es zählt nur, was ich fühle, und das ist ein total super Gefühl. Ich habe tolle Platten aufgenommen, habe aber gemerkt, dass ich wieder zurück zu diesem ursprünglichen Gefühl möchte, das mich zur Musik gebracht hat. "Die Not macht erfinderisch" ist ein Satz, der auf mich zugeschnitten ist. Ich brauche wenig und daraus mache ich was. Ich will keine vielen Plug-ins oder langen Textpassagen. Ich brauche nur etwas, das meine Energie transportiert. Früher hatte ich den Wunsch, eine angesehene Profimusikerin zu werden, habe aber gemerkt, dass auf dem Weg dorthin vieles beliebig geworden ist und ich eine gewisse Kante verloren habe. Ich bin jetzt aber an einem Punkt, wo ich weiß: Ich bin mir das schuldig, es wirklich so zu machen, wie ich es empfinde. Egal, was die Medien oder die Musikindustrie denken. Klar muss ich auch Wege finden, mit Kritik zu meiner neuen Linie umzugehen. Wenn beispielsweise ein Hörer nach dem Konzert zu mir kommt und sagt, dass er meine Konzerte mit Band cooler fand.

Was setzt dich am meisten unter Druck?

CÄTHE
Ich selbst – und das Thema Erfolg. Denn natürlich habe ich das Bedürfnis, erfolgreich zu sein, ich habe eine Sportsnatur und will gewinnen. Aber ich merke langsam, dass die Denke mir im Weg steht und mich wahnsinnig viel Kraft kostet und auch überhaupt nicht angebracht ist. Wir alle haben eben viele Gegensätze in uns zu vereinen und in Balance zu bringen. Und je mehr Sehnsucht ich danach habe, mein eigenes Ding zu machen, umso mehr denke ich eben auch darüber nach, wie ich Erfolg für mich definiere und wie andere ihn definieren – denn ich möchte natürlich auch von anderen lernen und mit Leuten zusammen Kunst machen.

Foto links: Annie Spratt. Foto rechts: Cäthe fotografiert von Heide Prange.

ÜBER CÄTHE
Wenn du Cäthe hörst, wirst du sie erinnern. Wenn du Cäthe live erlebst, wirst du sie niemals vergessen. Mit einer unverkennbar starken wie ungezügelten Stimme und Persönlichkeit sowie einer unmittelbaren Energie entwaffnet Cäthe seit ihrem Debüt „Ich muss gar nichts“ im Jahr 2012 Fans wie Kritiker nachhaltig. Nach zwei weiteren hoch gelobten Alben („Verschollenes Tier“, 2013 / „Vagabund“, 2015), dem GEMA-Autorenpreis in der Kategorie Rock und dem Fred-Jay-Preis für ihre Songtexte hat sich Cäthe Zeit genommen. Zeit, um Mutter zu werden und, um als Musikerin die Dinge für sich neu auszuloten. Wo will sie hin mit ihrer Kunst, wie und mit wem will sie sie umsetzen? Mit der selbst produzierten und ersten Single „So bin ich“ (2019) beantwortet Cäthe viele Fragen an sich selbst und gibt den Startschuss für ihr kommendes und in Eigenregie umgesetztes Album.

Weitere Infos: Cäthe auf Facebook | YouTube | Instagram

Im Frühjahr 2019 bist du mit der befreundeten Band Mockemalör zusammen auf Tour gegangen. Könnte das auch zukünftig ein alternativer Weg sein, um besonders auch unter Musikerinnen, Kräfte bündeln und womöglich auch Kosten gemeinsam zu stemmen?

CÄTHE
Auf alle Fälle. Ich habe darüber noch gar nicht so nachgedacht. Ich habe es ganz intuitiv entschieden. Ich versuche gerade wirklich meiner Intuition zu folgen – nicht philosophisch darüber nachzudenken, sondern in mich hineinzuhören. Ich finde sich zusammenzutun und sich gegenseitig zu helfen gut, wenn dahinter der richtige Beweggrund steht. Ich halte nichts von einer übertriebenen Freundlichkeit von wegen „Hi, ich bin auch Frau, ich mache auch Musik“ – dieser Trend-Feminismus oder so ein Frauen-Label reichen mir nicht, da bin ich raus. Ich brauche eine natürliche Verbindung, eine Spannung, die man spürt und die gemeinsam mobilisiert.

Was möchtest du mit deinem neuen Album anders machen oder nicht mehr machen?

CÄTHE
Ich möchte nicht mehr zu viel nach rechts und links schauen. Darauf habe ich keinen Bock mehr, es erzeugt nur Frust. Ich möchte nicht mehr irgendwohin – nicht höher, weiter oder schneller. Ich möchte eigentlich alles weglassen, was ich weglassen kann. Ich will mich als private Person nicht bloßstellen, auch wenn es das Persönlichste ist, was ich auf der Bühne gebe. Ich habe da eine Ambivalenz: Ich möchte gerne alles mit meiner Musik und Energie überfluten, aber eben auch meine Abgrenzung und Ruhe haben. Das ist auf der Bühne eigentlich nicht möglich.

Bist du mit deiner Musik völlig bei dir oder suchst du auch mal den Vergleich zu anderen?

CÄTHE
Ich merke, wenn ich gerade Schaffende und bei mir bin, dass ich dann total glücklich bin mit dem, was ich gerade erschaffe. Es erfüllt mich zutiefst und ich bin fokussiert – dann ist mir das total schnuppe, was andere machen. Wenn ich aber gerade etwas orientierungslos bin und den Faden verliere, schon lange nichts mehr gemacht habe, dann schaue ich viel häufiger, was andere machen.

Welche Bedeutung hat Social Media als Promotion-Werkzeug für dich und wie schwer oder leicht fällt es dir, gefühlt ständig on sein zu müssen?

CÄTHE
Ich nutze es intuitiv und tagesformabhängig. Ich teile etwas, um ein Gefühl zu bestärken, nicht weil ich muss. Wie zum Beispiel, wenn ich auf Tour bin und es Sinn macht, etwas dazu zu teilen. Alles andere fühlt sich nicht richtig an. Ich will nicht immer on sein für andere – das bin ich nur für mein Kind.

Foto links: Cäthe fotografiert von Heide Prange. Foto rechts: Bernard Hermant.

Inwiefern lässt du dich beim Songwriting von einem bestimmten Gefühl lenken? Braucht es eine bestimmte Gefühlslage, wie zum Beispiel Melancholie?

CÄTHE
Du musst kein depressiver Künstler sein, um gut zu sein. Ich merke, wenn ich an einem Lied arbeite, dass in dem Lied viele Versionen stecken. Ich fange mit einer Grundidee, einem Satz oder einem Gefühl an und daraus ergibt sich eine emotionale Achterbahnfahrt. Jedes Lied verändert sich im Entstehungsprozess und ich wandere mit – von naiv zu sehr schwer über aggressiv bis hin zu zart. Aus diesen Gefühlslagen versuche ich, meine Essenz herauszufiltern. Und wenn die Energie am Ende stimmt, dann sind auch Worte variabel, weil die Message über das Gefühl transportiert wird.

Wie bist du mit Durststrecken im Laufe deiner musikalischen Laufbahn umgegangen?

CÄTHE
Da ich erst mit 27 Jahren mein erstes Album veröffentlicht habe, hatte ich bis dahin diverse Nebenjobs. Ich hatte lange Durststrecken und mich darüber hinweggequält, mich nicht gut behandelt, weil ich dachte, das gehört als Künstlerin und Künstler dazu. Wenn die Anerkennung, die man braucht, ausbleibt, dann ist das scheiße. Inzwischen bin ich nicht mehr davon abhängig, wie etwas ankommt. Denn letztendlich geht es um mich als Mensch und darum, dass ich mich nicht selbst zerstöre, sondern glücklich bin. Ich habe ein Vertrauen gewonnen, dass das Richtige passieren wird und mir niemand etwas Böses will – auch das kann einen über Durststrecken tragen.

Welchen Ratschlag hast du an junge Musiker*innen, die sich professionalisieren möchten?

CÄTHE
Der hört sich ganz einfach an, ist für zum Beispiel Anfang 20-Jährige aber ein so ausdehnbarer Satz: Glaube an dich. Denn darum geht es. Wenn man jung ist und gerade anfängt, ist es natürlich klar, dass man noch auf der Suche ist, man entwickelt noch seinen Stil, kennt sich selbst noch gar nicht so als Künstlerin oder Künstler. Das dauert wirklich einige Jahre, bis sich ein eigener Stil und Ton, eine eigene Schrift und Sprache entwickeln. Und wenn einem Leute dann sagen, dass man es anders machen soll, dann sind es nicht die richtigen Leute und dann ist es nicht das richtige Umfeld. Auf so was sollte man sich dann nicht einlassen. Lass dir deine Energie nicht kaputtmachen!

Danke an Cäthe für das Interview. Danke an die Leserinnen und Leser für das Interesse.

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