JOVANKA VON WILSDORF

ÜBER ERFOLG

Foto: Jenn Jpg.

Dorthin gehen, wo die Angst ist. Das ist einer der vielen Tricks von Jovanka von Wilsdorf. Wohl auch deshalb geht es bei Jovanka vor allem in eine Richtung: nach vorne. Schon im Alter von zehn Jahren wusste sie, dass sie von der Musik leben möchte. Im Gegensatz zu vielen anderen hat sie ihren Traum wahr gemacht, spielte mit ihrer Band QUARKS europaweite Tourneen, veröffentlichte fünf Alben und ein Buch, spielte eine Hauptrolle am Düsseldorfer Schauspielhaus und etablierte sich als Songwriterin. Heute gibt sie vieles von ihrem Biss und ihren Erfahrungswerten an andere MusikerInnen weiter, arbeitet als Songwriterin mit namhaften KünstlerInnen und ist als Artist Coach u. a. für das Musicboard und den Music Pool Berlin aktiv. Als Speakerin trifft man Jovanka auf den Bühnen internationaler Konferenzen und Festivals zu Fachthemen, wie zum Beispiel „Artificial Intelligence & Creativity“ oder „Artist Career Mapping“. 2019 trat sie dem Board von Music Women Germany bei und wurde zur Speakerin von WeAreEurope ernannt. Ein beispielhafter Erfolgsweg, der nur mit ganz viel Liebe für die Musik und eben auch einem gesunden Maß an Disziplin und Struktur möglich ist …

Interview: Alexandra Helena Becht.

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Foto links: Olga Blackbird. Foto rechts: Jackson David.

Wie definierst du Erfolg aus künstlerischer und kommerzieller Sicht?

JOVANKA:
Einerseits bedeutet für mich persönlich künstlerischer Erfolg, wenn ich als Künstlerin meine Ideen und Eindrücke auf den Punkt bringen kann und es schaffe, andere das spüren zu lassen, was ich vorher gespürt habe. Dann bin ich glücklich. Und auch wenn ich es als Songwriterin schaffe, in die Welt von jemand anderem hineinzusteigen und ein stimmiges Bild davon wiederzugeben. Ich lebe seit über 20 Jahren von der Musik und natürlich ist auch das ein Erfolg, weil ich von meiner künstlerischen Arbeit leben kann. Besonderheiten, wie einen Chart-Hit zu schreiben, machen Freude, sind aber eher eine Art Trophäe. Wirklicher Erfolg ist für mich vielmehr, dass ich nicht über Geld nachdenken muss und so viel Headspace habe, dass ich Jobs, auf die ich keinen Bock habe, absagen kann.

Gibt es eine gewisse Erwartungshaltung, die Partner an dich und deine Arbeit stellen, und wenn ja, wie gehst du damit um?

JOVANKA:
Es wird von den Labels grundsätzlich auf eine Allgemeingültigkeit und Verdaulichkeit geachtet – es muss lecker und schnell gehen. Aber mal abgesehen davon habe ich als Songwriterin auch Bock darauf, mit erfolgreichen KünstlerInnen zusammenzuarbeiten und in ihre Welten einzutauchen. Denn nur dann generiert es überhaupt Geld. Du wirst ja nicht für das Songwriting bezahlt, sondern nur dann, wenn ein Song, den du geschrieben hast, massiv viele Streams hat, im Radio gespielt oder live, wie im großen Festivalrahmen, performt wird. Ansonsten ist es kein kommerzieller Erfolg. Das heißt, meine Songs müssen auf die Platte kommen und bestenfalls als Single erscheinen. Das gehört zu meinem Beruf. Wenn dich der Anspruch, catchy Songs zu schreiben und on the spot kreativ zu sein, wie zum Beispiel in Songwriting Camps, zu sehr unter Druck setzt, dann bist du falsch in diesem Beruf.

Worauf sollten deiner Meinung nach KünstlerInnen achten, die ernsthaft eine Musikkarriere anstreben?

JOVANKA
Wenn du Musik für dich als KünstlerIn schreibst, dann musst du vor allen Dingen erst mal deiner Liebe und inneren Stimme folgen. Du musst aber auch damit rechnen, dass du, wenn du deine Vision nicht stimmig kommunizierst, wenn du nicht 300 Prozent am Start bist oder dich in deiner Bubble einschließt, dann immer nur so ca. drei bis 80 ZuhörerInnen haben wirst. Und davon kann man nicht leben. Dann kann man sich vielleicht sagen: Ich möchte mich verwirklichen oder heilen. Es gibt MusikerInnen, die schreiben 20 Jahre aus ihrem Tagebuch, immer wieder über sich selbst und im Kreis und merken das nicht mal. Sich dann über den ausbleibenden Erfolg zu wundern und dem Kommerz die Schuld zu geben, ist absurd. Eine der allerwichtigsten Sachen ist, wenn du als KünstlerIn von deiner Musik leben willst: Hör' auf, den anderen die Schuld zu geben. Fange mal bei dir selber an und gehe aber trotzdem immer mit dem, was du liebst, was dich zieht und treibt. Die Leute, die versuchen, es allen recht zu machen, haben auch keine Chance.

Demnach gehört neben dem Talent also auch ein gewisses Mindset dazu, um sich als MusikerIn zu professionalisieren?

JOVANKA:
Wenn KünstlerInnen zu mir kommen, um mit mir als Consultant zu arbeiten, dann haben sie auch Bock darauf, weiterzukommen. Klar, es gehört auch mal zu meiner Arbeit, jemandem in den Hintern zu treten, aber nicht, jemanden aus seiner Lethargie zu ziehen. Dafür hätte ich gar keine Zeit. Der Prozess ist intensiv, macht aber auch enormen Spaß. Und wenn man mich zum Beispiel über den Musicpool als Coach bucht, kommt man ja auch mit einem bestimmten Anliegen zu mir. Wenn ich von Labels als „Joker“ in laufende Albumproduktionen reingeholt werde, gibt es natürlich immer mal wieder MusikerInnen, die sich kurz sperren, aber die meisten wollen sich weiterentwickeln. Und darum geht es, dass ich KünstlerInnen helfe, ihre Kräfte freizulegen und sich zu professionalisieren.

Wie viel Psychologie und Fingerspitzengefühl gehören zu deiner Arbeit als Songwriterin und Artist Coach?

JOVANKA:
Ich glaube, jede Art der Auseinandersetzung mit einer anderen Person ist eine psychologische Arbeit. Aber ich bin keine Therapeutin oder Drama-Assistentin. Es geht immer um die Sache und um eine „disciplined playfulness“. Bei manchen MusikerInnen muss ich erst mal einen sicheren Space schaffen und sie von ihrem Druck befreien. Manchmal muss man das Ego zurückstellen, damit das wahre Ich rauskommen kann. Und das klingt einfacher, als es ist. Es gibt kein Prinzip, das ich Leuten überstülpe, sondern ich schaue erst mal, wo ich andocken und wie ich helfen kann. Das ist immer ein Zusammenspiel. Es geht darum, skrupellos und zugleich liebevoll mit den Leuten umzugehen.

Foto: Ed Leszczynskl.

Stichwort Klicks, Views, Streams – wie wichtig ist der von KünstlerInnen oft ungeliebte Blick auf die Zahlen?

JOVANKA:
Erfolg zeigt sich eben sehr wohl auch in Zahlen, aber sie bedeuten im Indie-Bereich etwas anderes als im Major-Bereich, auch in Bezug auf Investitionen. Ein Major-Flop kann 300K Klicks auf YouTube haben – wenn es nicht über einen gewissen Standard kommt, interessiert es keinen. Während ein Indie-Label sich hingegen freut, wenn KünstlerInnen mit der ersten Single 20K Klicks oder Streams haben.
Oder nehmen wir das Beispiel von StraßenmusikerInnen: Wenn nur 25 Leute anhalten während du spielst, ist das auch eine Zahl, die in einem gewissen Maß misst, ob du berührst und ob du gut bist. Es gibt ganz großartige KünstlerInnen, die nicht in den Trend der Zeit passen, die nicht in acht Sekunden attention span zu begreifen sind und die du einmal live gesehen haben musst. Aber auch unter diesen MusikerInnen gilt: Die, die berühren, kommunizieren und weitergehen, werden in ihrer Sparte mehr Erfolg haben.

Inwiefern hat sich die Musikbranche in den letzten Jahren verändert?

JOVANKA
Es gibt grundsätzlich immer Veränderungen. Beispielsweise wurden früher unfassbare Vorschüsse gezahlt, das ist heute absolut undenkbar. Andererseits herrscht heute eine ungeheure Schnelllebigkeit, die großartige Vorteile hat. Man kann beweglicher sein und sich ganz anders untereinander vernetzen. Die Möglichkeiten sind unglaublich. Was den Umgang mit KünstlerInnen vonseiten der Labels betrifft, der war schon immer mal ganz großartig und mal eine Katastrophe. Das kam und kommt immer darauf an, welche Menschen miteinander zu tun haben und wie man sich selbst positioniert. Niemand zwingt dir bei Vertragsunterzeichnung den Kugelschreiber in die Hand. Klar, Major-Labels können KünstlerInnen das Genick brechen, wenn sie sie zum Beispiel in die Warteschleife stellen und erst mal nichts veröffentlichen. Aber genauso kann es schiefgehen, wenn KünstlerInnen alles im Alleingang machen wollen und gar nicht wissen, wie. Meiner Meinung nach haben wir über unsere Karriere in etwa so viel Kontrolle wie über den Ozean. Was wir aber machen können, ist, auf unser Schiff und unsere Mannschaft aufzupassen.

Wie kann man deiner Meinung nach mit aufkommendem Zweifel umgehen lernen?

JOVANKA:
Wichtig ist, sich nicht unterkriegen zu lassen. Ich glaube, jeder, der nach Perlen taucht, weiß manchmal nicht, ist es jetzt ein Kieselstein oder doch eine Perle. Manchmal arbeitet man ganz lange an etwas und denkt, dass es das Größte ist. Und dann wacht man eines Morgens auf und denkt: Das ist alles Scheiße. Das geht jedem mal so und ist ganz normal. Zweifel gehören dazu und es ist mutig, zu ihnen zu stehen. Für mich gilt: Angst oder Zweifel zu identifizieren, zu adressieren und zu eliminieren. Das klingt einfach, geht aber bei jedem anders und manchmal auch unglaublich tief. Aber in dem Moment, in dem man den Mut hat, zu sagen „ich komme hier echt grade nicht weiter und suche mir jemanden, der mir hilft und den ich in meine Zweifel und Angst reinlasse“, hat man oft den größten Schritt schon getan.

Gibt es für dich beim Songwriting so etwas wie ein Hitgefühl?

JOVANKA:
Es gibt ein bestimmtes Gefühl, aber es irrt auch immer wieder. Das neuste Lied ist für eine Sekunde das größte auf der Welt, aber das Gefühl relativiert sich dann oft auch wieder. Aber es gibt auch solche Songs, die sich einfach durchtragen. Manchmal sind das die, von denen man das gar nicht dachte. Du merkst das dann auch daran, dass plötzlich verschiedenste Leute, und zwar nicht nur aus deinem Umfeld, auf diesen bestimmten Song positiv reagieren und etwas darin finden. Grundsätzlich macht eine krasse Punchline oder ein catchy Song allein noch keinen Hit. Da müssen verschiedene Faktoren passen. Wenn ein Hitgefühl berechenbar wäre, dann würden die Majors nicht Millionen versenken. Ein Hit muss auch erst mal gehört werden, damit es einer wird. Das heißt, er muss entweder viral gehen oder er muss von den Majors gepusht werden.

Siehst du dich als Songwriterin innerhalb der Musikbranche vor besondere Herausforderungen gestellt?

JOVANKA:
Ich sehe mich als Mensch in der Musikbranche vor besondere Herausforderungen gestellt. Du musst dich zum Beispiel persönlich geben – darfst aber nichts persönlich nehmen. Das ist krass. Und natürlich fällt mir auf, je länger ich in der Branche arbeite und je weiter ich komme, dass es weniger Frauen als Männer in bestimmten Bereichen oder in Führungspositionen gibt.
Ich sehe meine jetzige Herausforderung darin, anderen Frauen zu zeigen, dass ganz viele Mauern im eigenen Kopf entstehen und wie man sie aufbrechen kann. Mir geht es darum, Frauen zu befördern und sie dazu zu motivieren, dass sie zu ihrer Kraft, ihren Träumen und ihrer Energie finden und hart arbeiten. Eigenverantwortung mit spielerischer Haltung nenne ich das. Für mich selbst war es eine wichtige Sache, meine mentalen Schutz- wie Angriffsmechanismen, die ich wie dicke Jacken übergeworfen hatte, auszuziehen. Und zu erkennen, dass ich liebevoll mit Leuten umgehen will, egal ob es eine Frau oder ein Mann ist. Wenn jemand nicht damit umgehen kann, dass ich freundlich bin, und das mit Schwäche verwechselt, dann passt das menschlich eben nicht.

Foto: Marvin Ronsdorf.

Haben sich deine Beziehung zur Musik und deine Art, wie du an Jobs herangehst, verändert?

JOVANKA:
Meine Arbeitsweise hat sich mit der Erfahrung und im Laufe meines Entwicklungsprozesses verändert. Und ganz natürlich auch mein Verhältnis zur Musik. Im Grunde verändert sich mit den Jahren dein Verhältnis zum Leben. Jede Zusammenarbeit ist ein Lernprozess und Austausch. Ich glaube, deshalb kann ich auch gut mit schwierigen Persönlichkeiten zusammenarbeiten, weil ich diesen Struggle kenne und diese vor Liebe blinde Begeisterung für die Musik. Ich kann mich inzwischen so sehr ins kreative Chaos stürzen, weil ich gelernt habe, dass ich mich mit Struktur wieder rausholen kann. Mein Tag ist durchgetaktet und ich bereite Dinge gut vor. Das ist wie ein Tanz mit Chaos und Struktur.

Wer oder was macht dir am meisten Druck und wie gehst du damit um?

JOVANKA:
Ich mache mir Druck. Das gehört dazu. Ich habe aber gelernt, damit besser umzugehen, kann Stresssituationen schneller erkennen und auflösen. Früher hat mich das fertiggemacht. Damals sagte ein guter Freund zu mir: „Man nennt das auch Leben. Das gehört dazu und bei dir läuft es eigentlich ziemlich gut.“ Das war ein Lernprozess.

Was rätst du MusikerInnen, die gerade eine Blockade haben?

JOVANKA:
Das muss man von Fall zu Fall ganz individuell betrachten, da gibt es unterschiedliche Ansätze. Jemand, der sich gerade auf einer Durststrecke befindet, hat eine völlig andere Energie als jemand, der enorm unter Druck steht. Also muss ich erst mal schauen, woher die Blockade kommt und warum es nicht mehr fließt. Disziplin und eine Tagesstruktur sind ganz wichtig, wenn man gerade in den Seilen hängt. Wenn man aber zum Beispiel ein Workaholic ist, geht es darum, zu lernen, wieder Pausen einzubauen und auch zu genießen. Für die Inspiration, und um überhaupt durchzuhalten, ist es wichtig, auch für andere Sachen wie Freunde, Liebe und Selbstfürsorge Platz zu lassen.

Welchen Ratschlag kannst du mit Newcomern und etablierten MusikerInnen teilen?

JOVANKA:
Allgemeine Ratschläge wie „Gib‘ nicht auf“ können manchmal toxisch und gefährlich sein. Ich glaube, als etablierte/r MusikerIn sollte man sich immer wieder die eigene Unschuld zurückholen und offen und neugierig für neue Musik sein. Newcomer sollten den Unterschied erkennen lernen zwischen konstruktiver Kritik und Bullshit. Don’t believe the hype. Du bist deine Kunst, nicht die Meinung der anderen.

Lieben Dank an Jovanka für das Gespräch und danke an die Leserinnen und Leser für das Interesse.

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