MOCKEMALÖR

ÜBER ERFOLG

Foto: Anton Repponen.

Worum geht es dir in deiner Kunst überhaupt? Wie wichtig es ist, sich als Musiker/-in diese Frage ehrlich beantworten zu können, zeigt das Berliner Trio Mockemalör. In seinem künstlerischen Schaffen geht es um das freie Momentum, um das Erzeugen einer größeren Energie durch das Teilen eines musikalischen Live-Erlebnisses. Es geht nicht darum, sich anzubiedern und Kompromisse für Airplay oder einen Major-Deal einzugehen. Es geht darum, sich trotz aller Herausforderungen einen kreativen Raum für etwas zu schaffen, das sich nicht in Streams, Klicks und Likes messen lässt – sondern einen persönlichen Wert hat …

Interview: Alexandra Helena Becht.

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Mit dem dritten Album „Science-Fiction“ wächst Mockemalör vom Geheimtipp zur Liebhaberband heran. Was 2012 gleichsam als musikalische Testfahrt mit einem Konzert in Berlin begann, ist zu einem selbstbewussten und stilsicheren Trio gereift, das immer mehr Hörer/-innen für sich gewinnen kann. Für weitere Aufmerksamkeit dürfte auch die Kollaboration mit der Musikerin Cäthe im Rahmen der Single „Nullpunkt“ gesorgt haben. Wie fühlt es sich an, wenn sich plötzlich Erfolg einstellt?

MAGDALENA:
Für mich hat Erfolg vor allem etwas mit Authentizität zu tun. Wenn ich das, was ich in mir trage, in Musik verpacke, so wie es mir entspricht, dann ist das ein riesiger Erfolg für mich. Wenn ich so klinge, wie ich mich selbst spüre und es mich selbst berührt – das ist der Idealfall. Und erst im nächsten Schritt, hoffe ich, dass ich damit auch andere Menschen berühren kann.

Erfolg kann verschiedene Formen annehmen, findet mal leise und persönlich hinter den Kulissen statt, mal laut und für jedermann sichtbar, wie beispielsweise in nackten Streaming- oder Followerzahlen. Ist der nach außen sichtbare und messbare Erfolg womöglich der Wichtigere in Bezug auf das Weiterkommen als Musiker/-in?

MAGDALENA:
Für mich ist der freie Ausdruck das Elementarste. Wenn ich es schaffe, bei mir zu sein und in einen Fluss zu kommen, mich auszudrücken und eine schöpferische Quelle anzuzapfen. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich mich nicht freue, wenn unsere Musik Anklang findet. Aber wenn ich anfange, mir Gedanken zu machen, was ich tun muss, um möglichst viele Streams und Likes zu bekommen, dann käme es einem Sich-Verbiegen gleich und dann würde es für mich keinen Sinn mehr ergeben. In unserem künstlerischen Schaffen geht es um das freie Momentum und darum, eine größere Energie durch das Teilen unserer Musik zu erzeugen.

Gibt es innerhalb der Band unterschiedliche Ansichten in Bezug auf die Definition von Erfolg oder musstet ihr euch erst gemeinsam auf bestimmte Zielsetzungen verständigen?

MAGDALENA:
Keiner von uns hat jemals so getickt, dass wir mit unseren Songs bestimmte Charterfolge im Sinn hatten. Das hört man auch unserer Musik an, dafür sind wir alle viel zu wenig im Mainstream unterwegs. Es war für mich nie erstrebenswert, in den Pop-Olymp aufzusteigen. Für mich ist es wirklich ein Bedürfnis, mich auszudrücken – es tut not. Einen Raum dafür zu schaffen, war für mich immer der größte Erfolg – gegen jegliche Widrigkeiten.

Mockemalör fotografiert von Marcus Engler: Simon Steger, Magdalena Ganter und Martin Bach.

DIE BAND
Das Berliner Trio Mockemalör, bestehend aus Magdalena Ganter, Martin Bach und Simon Steger, versteht sich selbst als Art-Band, das an der Schnittstelle von Musik und Theater ihr eigenes musikalisches Genre geschaffen hat. Zwischen analoger Elektronik und Jazz schimmern die verschiedenen Wurzeln der Bandmitglieder aus Klassik und Varieté hindurch. Die detailverliebten und ausdrucksstarken Songs, wollen nicht mal eben nebenbei gehört, sondern entdeckt werden. Mit dem 2018er Album „Science-Fiction“ präsentiert Mockemalör das bereits dritte Album und damit eine facettenreiche Klangfarbe in der deutschen Popszene.

Ein Album zu produzieren, Musikvideos zu drehen, auf Tour zu gehen, das alles kostet für eine selbst finanzierte Band sehr viel Geld. Wie finanziert ihr die Umsetzung eurer Musik und eure damit verbundenen Ausgaben?

MAGDALENA:
Ich beispielsweise unterrichte an der Hochschule der populären Künste in Berlin im Fach Bühnenperformance und Aufführungspraxis. Ursprünglich habe ich an der Universität der Künste in Berlin Tanz, Gesang und Schauspiel studiert, von daher habe ich viel Erfahrung. Bevor ich der Musik mehr Raum gegeben habe, hatte ich Theaterengagements und konnte davon gut leben. Es war eine sehr bewusste Entscheidung, Angebote von Theatern abzulehnen und stattdessen meine Musik in Berlin voranzutreiben. Jetzt gebe ich mehr Gesangsunterricht. Das finde ich auch super bereichernd, da ich dadurch die Perspektive wechseln kann. Beim Unterrichten lerne ich selbst so viel, es ist für mich unmittelbar mit der Seele und dem Menschen verknüpft. Meine Schüler sind selbst junge Musiker, die haben die gleichen Ängste, Fragen, Zweifel und Sorgen und es ist schön, sie zu begleiten.

Am Anfang einer Bandgeschichte stehen manchmal mehr Musiker/-innen auf der Bühne als Konzertbesucher/-innen davor. Das ist besonders schade bei einer Band wie Mockemalör, die live ihre ganze Kraft entfaltet – getragen von der grandiosen Stimme und Bühnenpräsenz der Frontfrau Magdalena. Wie schwer ist es als gestandene Theaterdarstellerin, mit der eigenen Band vor kleinerem Publikum zu spielen und trotzdem die Spannung zu halten?

MAGDALENA:
Resonanz ist schon sehr wichtig. Ich brauche einen Austausch, finde es interessant, was das, was ich in die Welt hineingebe, mit anderen macht. Wir hatten schon von Anfang an, mit unseren ersten Konzerten im Jahr 2012 eine überwältigende Resonanz. Das hat uns natürlich angetrieben. Wir haben auch schon Konzerte vor 15 Leuten gespielt und es war ganz berührend und wir waren beseelt. Genauso haben wir schon vor viel mehr Leuten gespielt und die Stimmung war nicht so konzentriert.

Habt ihr manchmal Zweifel, dass eure Musik zu eigenwillig ist und dadurch womöglich so manche Türen für euch verschlossen bleiben?

MAGDALENA:
Wir hatten mal die lustige Situation, dass uns ein Radiomoderator sagte, er habe das Gefühl, wir würden alles dafür tun, keinen Hit zu landen. Letztlich machen wir das, was aus uns rauskommt, das stand auch nie zur Debatte. Zweifel haben wir permanent, aber sie treiben uns auch an. Wir stellen das schon gehörig in Frage, was wir tun. Auch bei unserem aktuellen Album „Science-Fiction“ haben wir lange gewerkelt und sind sehr ins Detail gegangen. Dadurch sind ganz feine Sounds und Klangtüfteleien entstanden – wie Pinselstrich für Pinselstrich. Im Laufe des Schaffensprozesses haben wir auch wieder viele Elemente verworfen und neu ausprobiert, bis wir es stimmig fanden. Ab einem gewissen Punkt muss man eben auch loslassen können, sonst bringt man ja auch nichts zu Ende. Wenn man zu lange an etwas arbeitet, kann es sein, dass die Energie rausgeht und man nur noch erschöpft ist.

Foto: Todd Diemer.

Schon mit dem ersten Album „Schwarzer Wald“ aus dem Jahr 2013 hat Mockemalör einen ganz eigenen Weg eingeschlagen, indem Magdalena alle Songs in ihrem Heimatdialekt Alemannisch eingesungen hat. Das kann Hörer/-innen neugierig machen, aber auch abschrecken. War das ein Konzept, das ihr wieder verworfen habt, oder nur eine Phase?

MAGDALENA:
Das hat sich für mich damals stimmig angehört. Ich bin einem Gefühl nachgegangen, es war eine Art der Rückbesinnung und der Auseinandersetzung mit meiner Herkunft und meinen Wurzeln. Inzwischen lebe ich seit zwölf Jahren in Berlin und bei den folgenden Alben war für uns klar, sie auf Hochdeutsch einzusingen.

Seid ihr bei eurem dritten Album strategischer und berechnender an das Songwriting herangegangen als bei eurem Erstlingswerk? Oder seid ihr nach wie vor komplett frei in Bezug auf den kreativen Prozess?

MAGDALENA:
Wir sind völlig vogelfrei und machen das, worauf wir Bock haben. Wir sind drei völlig unterschiedliche Menschen und kommen mit ganz unterschiedlichen musikalischen Richtungen zusammen. Unsere Musik entwickelt sich mit uns stetig weiter. Während bei unserem zweiten Album „Riesen“ der stilistische Fächer ganz weit aufging, ist unser aktuelles Album „Science-Fiction“ weniger schrill und ein Stück tiefer.

Derzeit veröffentlicht Mockemalör auf dem Indie-Label des Bandpromoters. Ist das eine bewusste Entscheidung gegen die Big Player der Branche oder seid ihr grundsätzlich offen für die Zusammenarbeit mit einem Major-Label?

MAGDALENA:
Die Zusammenarbeit mit einem Major-Label wäre für uns durchaus interessant, sofern wir unsere Musik weiterhin machen könnten wie bisher. Wir freuen uns über jede Unterstützung, lassen uns aber eben nicht reinquatschen.

Wie geht ihr mit Durststrecken um, mit denen ja so gut wie jede(r) Künstler/-in zu kämpfen hat? Habt ihr ein Rezept, wie ihr euch gegenseitig wieder motivieren könnt, oder habt ihr vielleicht sogar schon mal daran gedacht, die Band aufzulösen?

MAGDALENA:
Wir hatten niemals den Gedanken, die Band aufzulösen. Dafür verbringen wir einfach zu gerne Zeit miteinander. Bei uns hält immer einer die Fahne hoch, wenn ein anderer mal nicht mehr kann. Es ist wie ein Verbund. So können wir diese enorme Herausforderung, der Musik genug Raum zu geben, annehmen. Das ist ein ganz großes Geschenk. Im Laufe der Zeit haben wir viel gelernt und unsere Erwartungshaltung hat sich verändert. Wir sind viel entspannter in Bezug auf unser aktuelles Album. Wir sind gefestigter in unseren Persönlichkeiten und als Band. Es ist wichtig, gemeinsam Resümee zu ziehen und sich auch mal aufzuzeigen, was man gemeinsam schon alles erreicht und geschafft hat. Und wir haben einfach schon so viele schöne Erlebnisse zusammen erlebt – das ist ein Pfund. Im Proberaum haben wir eine Art Zeremonie, dass wir eine Kerze anzünden und uns Sachen wünschen und uns reflektieren. Und es ist erstaunlich, wie viele von diesen Dingen eingetreten sind. Das stimmt uns alle total hoffnungsvoll. Daran glauben und dafür gehen, immer mutig sein, Durststrecken mitnehmen, aber nicht aufgeben – es lohnt sich.

Foto: Calwaen Liew.

Was wünscht ihr euch für euer aktuelles Album und eure weitere Entwicklung als Band?

MAGDALENA:
Dass unser Album Anklang findet und wir damit Menschen erreichen. Unsere Musik ist sehr nischig und sie findet eher im theatralischen Kontext statt, und ich würde mir wünschen, dass wir live möglichst viele Bühnen aller Art bespielen können.

Wie organisiert ihr eure Band? Habt ihr ein Management oder ein Team?

MAGDALENA:
Der Kern sind immer Martin, Simon und ich. Wir planen unsere nächsten Schritte als Band. Aber wir haben auch einige Unterstützer. Alles Idealisten wie wir, die unseren Ansatz und unsere Überzeugung teilen.

Welchen Rat möchtet ihr mit anderen Musikern/Musikerinnen teilen?

MAGDALENA:
Offen bleiben und immer mutig Sachen ausprobieren. Denn es ist so viel möglich, von dem wir ganz oft denken: Wie soll das funktionieren? Aber offene Türen kommen wie aus dem Nichts.

Danke an Magdalena Ganter für das Interview. Danke an die Leserinnen und Leser für das Interesse.

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